Videojournalismus 2.0 - Zeitung und Zeitzeugen im Internet
Mittwoch, 20. Februar 2008
Längst sind Zeitung und Fernsehen online, mit Texten, Bildern, Videos, Blogs und Foren. Ein hochkarätiges TA-Podium debattierte am Dienstag in Erfurt unter Moderation von TA-Chefredakteur Sergej Lochthofen über die Verschmelzung aller medialen Formen. Der Augenzeuge sprach mit Bodo Hombach, Dieter Althaus, Nikolaus Brender und David Dunkley Gyimah.
Der Opener der Podiumsdiskussion.
Der Augenzeuge zeigt Ausschnitte aus der Podiumsdiskussion des Kolloquiums. Die Internetauftritte großer Verlage werden immer mehr zu Cross-Media-Plattformen. Audiovisuelle Beiträge sind, neben den Textbeiträgen, feste Bestandteile des Webangebots geworden. Wie gehen Zeitungen und auch das Fernsehen mit den neuen Möglichkeiten um und welche Chancen und Risiken entstehen daraus? Eine hochkarätige Teilnehmerrunde diskutierte diese Fragen.
Buschka entdeckt Deutschland. StandUp-Reporter Jörg Buschka und Kameramann/Programmierer Jan Vogel präsentieren wöchentlich Stegreif-Filme aus dem ganz normalen deutschen Alltag. Als Referenten waren sie zum Kolloquium geladen. www.buschka-entdeckt.de
Brigade des Friedens
Als unbewaffnete Bodyguards begleiten die Freiwilligen von Peace Brigades
International (PBI) Menschen die gefährtet sind durch Übergriffe
staatlicher, militärischer oder krimineller Gewalt. Die Brigadisten erzeugen
mit ihrer Anwesenheit eine internationale Öffentlichkeit, die ein
unauffälliges Verschwindenlassen von Menschen verhindern soll.
Rasmus Gerlach zeigte seinen Film “Brigade des Friedens” im Rahmen des
Kolloquiums “Videojournalismus 2.0″. Geschildert werden die Arbeit von PBI
und die Menschenrechtssituation in Kolumbien und Mexiko.
Aus Sicherheitsgründen arbeitete er für diesen Film größten Teils alleine
mit einem kleinen Camcorder.
Der Augenzeuge sprach mit dem Filmemacher über sein Engagement, die Rolle
des Internets für diese Interessen und videojournalistische Arbeitsweisen.
http://www.peacebrigades.ch/videos.htm
Nur keine Scheu (TA, 19.02.2008)
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Das Internet hat vor allem die Art der Kommunikation revolutioniert. Die Medien befinden sich im Zentrum dieses Wandels. Längst sind Zeitung und Fernsehen online, mit Texten, Bildern, Videos, Blogs und Foren. Ein hochkarätiges TA-Podium debattierte gestern in Erfurt über die Verschmelzung aller medialen Formen. Hombach für die Verlage. “Wir folgen den Lesern dahin, wohin sie gehen”, sagte der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, zu der auch diese Zeitung gehört. Man müsse immer “testen und ausprobieren” und entwickle sich von einem “Zeitungshaus zu einer “Journalistenmanufaktur”, die auf Wunsch alles anbieten könne: die gedruckte Zeitung, das E-Paper im Internet, oder den multimedialen Podcast. Es gehe nicht darum, dass ein Medium verschwinde - es gehe darum, dass es sich anpasse.
Deshalb, sagte Hombach, sei es auch absurd, dass Printmedien und Fernsehen versuchten, “ihre Claims abzustecken”. So wie Zeitungen im Internet Filme anböten, müsse auch das Fernsehen das Netz nutzen, um neue Zielgruppen anzusprechen.
Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, mochte ihm da nur zustimmen. Das Internet könne womöglich die Demokratie neu beleben. Denn “wenn die Bürgergesellschaft einschläft, haben alle Medien ein Problem”.
Da man die etablierten Medien als vierte Gewalt bezeichne, könne man das Internet die fünfte Gewalt nennen, sagte dazu der Weimarer Prof. Wolfgang Kissel. Das gelte gerade für das “neue Netz”, das Web 2.0, das etwa durch interaktive Formen wie Blogs und Vlogs lebe.
Nicht nur die Sätze Kissels zeigten die Veränderung, die selbst die Sprache durch das Internet nimmt. Der Vlog ist, wie zum Beispiel der “Augenzeuge” die Video-Variante eines Blog, was wiederum die Kurzform von Weblog ist, zu Deutsch Netztagebuch. Es gibt auch mit bloggen das zugehörige Verb - was sich zu anderen Wortschöpfungen wie googeln gesellt, die das Durchforsten des Internets mit der Suchmaschine Google beschreibt.
Der Sprecher des dazugehörigen Konzerns saß gestern auch in der Runde. Er wurde vom moderierenden TA-Chefredakteur Sergej Lochthofen gefragt, warum die zu Google gehörende Video-Plattform Youtube auch rechtsextremistische Inhalte verbreite. Stefan Keuchel beteuerte, dass man gegen den “braunen Schmutz” vorgehe, aber dass man nur das aus dem Netz nehmen könne, was auch verboten sei. Immerhin würden auch demokratische Parteien wie die FDP Youtube ganz intensiv nutzen.
Am Ende waren sich die Diskutanten eher einig - darin, dass es immer um “Qualität, Wahrhaftigkeit und Anspruch” (Hombach) gehen werde und darin, dass “inhaltliche Kriterien nicht abhängig von der Technik” seien (Brender). Wichtig sei, die Mächtigen zu kontrollieren.
Hombach, der einst das Kanzleramt für Gerhard Schröder leitete, hatte eine hübsche Geschichte parat, um die “disziplinierende Wirkung der Medien” zu beschreiben. Die politische Morgenfrage, so sagte er, sei immer die dieselbe: “Was ist, wenn es rauskommt?”.
Der neben ihm sitzende Ministerpräsident wollte, im Gegensatz zum Auditorium, an dieser Stelle nicht so recht lachen. Ansonsten aber bewegte er sich gänzlich auf der Höhe der neuen Internet-Zeit: Er hatte während der Debatte, ganz nebenbei, die E-Mails auf seinem Handy abgerufen.
Die Sorge des Sokrates
Youtube, MySpace oder ein anderes der tausenden Online-Portale - wer eine Kamera hat, filmt dies und stellt es dort sofort ins Internet. Was bedeutet dies für den Journalismus und dessen Konsumenten? Darüber diskutierten gestern in der Erfurter Staatskanzlei Ministerpräsident Dieter Althaus, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe Essen, die Medienwissenschaftler Wolfgang Kissel aus Weimar und Gerhard Lampe aus Halle sowie Stefan Keuchel vom Internetkonzern Google/Youtube. Es moderierte TA-Chefredakteur Sergej Lochthofen.
Wir selbst fragen uns, ob beim Videojournalismus die Distanz zum Politiker verloren geht. Welche Befürchtungen hat denn die Politik, Herr Althaus?
ALTHAUS: Ich habe persönlich keine Probleme damit. Junge Menschen nutzen das Internet immer mehr - auch zur politischen Information. Über dieses Medium lässt sich die Vielfalt der Politik und die politischer Personen vermitteln, ohne dabei an feste, starre Regeln gebunden zu sein. Dadurch erreicht man ein hohes Maß an Nähe. Als Politiker muss man sich dann aber auf so ein Projekt wie den “Augenzeugen” mit Haut und Haaren einlassen.
Die Medienbranche ist im Umbruch. Ist das Internet eine Bedrohung für Zeitungen und das Fernsehen?
HOMBACH: Ich bin kein Freund von Totenglöckchen. Die Zeitung wird es weiterhin geben, mit der nötigen Anpassung an die Zukunft. Aber nicht jede neue Kommunikationsform darf gleich den Qualitätsstempel eines Mediums erhalten.
BRENDER: Wenn es um Information geht, unterscheiden sich die Kriterien im Printbereich und im Fernsehen nicht. Wichtig sind Unabhängigkeit, Seriösität, klare Recherchen und verständliche Vermittlung. Wenn der Nutzer mit der Art, wie Information verbreitet wird, nichts anfangen kann, widersetzt sich die Technik der demokratischen Gesellschaft. Wie auch immer sich die Technologien entwickeln: Wenn die Bürger das neue Medium nicht ergreifen, hat es keinen Sinn.
Im Internet werden Informationen veröffentlicht - bis hin zu Verleumdungen - die bei seriösen Medien nicht über den Tisch gingen. Muss es da eine Reglementierung geben?
ALTHAUS: Heute sind Daten und Wissen überall zugänglich. Das ist eine Riesenchance, auch für die Politik. Um das richtig zu nutzen, braucht es allerdings Medienkompetenz. Die Menschen können auswählen - und sie müssen auswählen. Natürlich sollte vor Missbrauch geschützt, Gewalt und rechtsradikale Inhalte verboten und verhindert werden. Dafür gibt es Rechtsmittel, die gegebenenfalls weiter entwickelt und angepasst werden müssen.
Die NPD nutzt Youtube, um junge Leute zu erreichen . . .
KEUCHEL: Rechtsradikale Inhalte wollen wir bei Youtube nicht, genauso wenig wie pornografische. Verstoßen Inhalte gegen unsere Grundsätze, haben wir die Möglichkeit, diese aus den Plattformen zu entfernen, und das tun wir auch.
KISSEL: Das Internet erlaubt doch, dass sich jeder mit einbringt. Im Fall der Neonazis besteht die Möglichkeit, die Videos zu kommentieren. Zur Aufklärung kann ein Kurzfilm per E-Mail weiterverschickt werden - in kurzer Zeit an unzählige Menschen. Internet-Communitys werden so zur fünften Gewalt. Die Macht der Gemeinschaften im Netz gegen Rechtsradikalismus ist enorm.
Der Tag hat nur 24 Stunden. Tobt hier ein Streit um die Aufmerksamkeit der Leute?
LAMPE: Der Medienkonsum bleibt von der Menge her ähnlich. Die Nutzer aber spezialisieren sich stärker auf verschiedene Themenbereiche. Gleichzeitig hat jeder die Möglichkeit, seine eigene Meinung und Weltsicht öffentlich zu machen.
HOMBACH: Es ist doch aber sozial schädlich, wenn man wochenlang mittags um 12 Uhr Zeit zum Fernsehen hat. Und bei den meisten Abstimmungen im Internet oder per Telefon geht es oft nur um unwichtige Dinge, wie: Wer fliegt aus dem Dschungel. Ich hoffe, dass die Leute, die diese Angebote nutzen, irgendwann danach verlangen, sie für Sinnvolles einzusetzen. Etwa um über einen Beschluss, der ihre Stadt betrifft, abstimmen zu können.
Vor sieben Jahren ist die erste Internet-Blase mit einem Börsencrash zerplatzt. Wann platzt denn die nächste?
LAMPE: Da ist keine Vorhersage möglich, denn die Nutzer bestimmen über die Wahl der Medien. Es ist ja nicht so, dass die bestehenden Medien einfach verschwinden. Die Frage ist, ob wir das Internet nicht als Erweiterung der bestehenden Medienwelt sehen sollten. Es kommt nämlich eher zu einer Vermehrung der Verbreitungswege. Nie in der Geschichte hat ein Medium ein anderes verdrängt. Im großen Raum Internet haben sich außerdem mittlerweile kommerzielle Kontrollmechanismen gebildet.
BRENDER: Die Internetblase mag damals geplatzt sein, doch dadurch haben sich neue Strukturen entwickelt. Wir erleben derzeit Ideen von Vernetzung, Gedankenaustausch und Freiheit, wie wir sie zuvor nie hatten. In dieser diffusen Welt tragen Verlage und öffentlich-rechtliche Medienanstalten eine hohe Verantwortung. Sie sind Glaubwürdigkeitsplattformen, denn sie vermitteln dem Bürger Informationen, auf die er bauen kann. Journalisten haben hier einen Wächter-Auftrag und können es sich daher nicht erlauben, ihre Informationen nur zu “googeln”, ohne sie zu vergleichen, zu recherchieren.
LAMPE: Die Versuche im neuen Web 2.0 - in dem die Nutzer den Inhalt erzeugen - haben gezeigt, dass sich Marktmechanismen entwickelt haben, die dem Platzen der Blase entgegenwirken. Die erwartete Wende ist bereits eingetreten: Im Internet läuft es auf Monopole hinaus. Microsoft etwa soll nun die wachsende Marktmacht von Google beschränken.
Wie sieht das Internet in fünf Jahren aus: Was gibt es noch, was wird anders?
ALTHAUS: Die Menschen mögen konzentrierte Informationen. Sie mögen es, auf eine Auswahl zurückgreifen zu können. Das spricht für Zeitungen und Zeitschriften. Es gibt aber auch die generelle Frage: Wo sind Themen, wo sind Trends, wo sind Inhalte? Es gilt, beide Entwicklungen zu verbinden und die modernen Möglichkeiten zu nutzen, um an die Menschen heranzukommen.
KEUCHEL: Für die Zukunft gibt es drei Trends. Zum Einen das mobile Internet, das bereits heute Realität ist. Das Handy wird also nicht mehr nur eine nette Möglichkeit zum Telefonieren sein, sondern für viel mehr nutzbar. Ein weiterer Trend ist die Lokalisierung, das heißt, wir wollen regionale Services ausbauen. Schließlich wird die Personalisierung eine Rolle spielen, das heißt: Ich kann die Nachrichten abrufen, die auf meine Interessen zugeschnitten sind.
BRENDER: Natürlich, es sind immer mehr Leute der älteren Generation, die Fernsehen schauen. Aber eine Kombination aus Fernsehen und Internet ermöglicht es gerade jungen Leuten, an Infos heranzukommen, denn sie entspricht ihrer Auffassung von freiheitlichem Denken. Auf jeden Fall muss der Journalist in Zukunft wieder die Zeit und die Konzentration haben, seine Aufgabe zu tun: scharf beobachten, unabhängig sein und tiefgründig recherchieren.
HOMBACH: Wenn mal früh die Zeitung nicht im Briefkasten ist, sind manche erregter, als wenn die eigene Frau fehlt. Im Internet gibt es diese Bindung noch nicht. Wir bauen deshalb dort eigene Portale auf.
Unsere Stärken liegen im Regionalen und Lokalen. Dort haben wir Redakteure und Kontakte. Und diese Kompetenzen werden wir verteidigen, Medien übergreifend.
KISSEL: Vor fünf Jahren habe ich Studenten eine Aufgabe gestellt: Recherchieren Sie etwas, das nicht im Internet zu finden ist. Das war schon damals schwierig. Die Welt in ihrer Gesamtheit wird bereits im Netz widergespiegelt. Weniger allerdings die Dritte Welt. Da muss sich was tun. Kollaboration, Partizipation sind die Stichworte.
LAMPE: Schon Sokrates hat sich über Platon beschwert, weil sein Schüler das Gelernte aufgeschrieben hat. Der Philosoph befürchtete: Wenn alles aufgeschrieben wird, spricht man nicht mehr miteinander.
Das wirkliche Leben
Von Alexander DEL REGNO.
Vorträge, Filme und Diskussionen haben gestern vor allem junge Menschen zu den Veranstaltungen dieser Zeitung und der Bauhaus-Universität Weimar gelockt. Viele Studenten nutzten die Gelegenheit, um sich mit Pionieren des Videojournalismus auszutauschen.
ERFURT. Der Flieger hatte Verspätung, die Autobahn war verstopft und das alles nach nur einer Stunde Schlaf. Doch von Müdigkeit war beim Vortrag von David Dunkley Gyimah keine Spur. “So filmt ein TV-Kameramann”, sagt der Dozent der University of Westminster für “Digital Journalism” und kniet auf dem Fußboden der Staatskanzlei, bevor er sich auf die Seite legt: “und so ein Videojournalist.” Heraus kommt eine authentische Aufnahme eines Irakers, der bei seiner Verhaftung von US-Soldaten auf die Straße geworfen wird. Das sei eben der Unterschied, konstatiert Gyimah.
Der Brite ist so etwas wie ein Guru unter den Videojournalisten und Vorbild für viele Weimarer Bauhaus-Studenten, die den Großteil der Zuhörer in der Staatskanzlei bildeten. 1994 fing er an, mit einer Handkamera ausgerüstet, das wirkliche Leben ohne große Schnörkel zu filmen. Das ist zugleich auch das Prinzip des Videojournalismus. Keine gestellten Szenen, kein Wiederholungen, auch keine Provokationen, um ein bestimmtes Bild zu erhalten. Für den Betreiber des preisgekrönten Online-Magazin viewmagazine.tv ist das einer von vielen Vorteilen gegenüber dem Fernsehen. Videos in den Internet-Auftritten von Zeitungen seien dagegen zukunftsweisend.
Das sieht auch Prof. Wolfgang Kissel von der Bauhaus-Universität so. Die Washington Post etwa habe das Experiment konsequent verfolgt, indem sie Videos neben ausführliche Textbeiträge im Internet stellt.
Mit minimalem Einsatz von Technik sind Videojournalisten Autoren, Redakteure, Kameramänner, Tontechniker und Cutter in einer Person - was natürlich auch einen Kostenfaktor darstelle. Gänzlich neu ist das Prinzip nicht, erklärte der Medienwissenschaftler
19.02.2008 Von Martin DEBES
ALLEN multimedial Interessierten Mädchen und Jungen, Damen und Herren, von 18+ bis 81+ bieten wir an, UNSER NEUES THÜRINGEN selbst, ständig und freimütig so zu (re-)präsentieren, wie es heute tatsächlich ist und journalistisch sauber darzustellen,welche VISIONEN uns vorantreiben … im postindustriellen “Informations-Zeitalter”.
Dietmar Sommerlandt
och schade, da wären wir gern dabei gewesen …