Willy Brandt in Erfurt

Sonntag, 14. März 2010

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Von Gefühlen übermannt

Jan Schönfelder, Reiner Erices - nach Büchern und Filmen über die Besuche von Franz Josef Strauß und Helmut Kohl in der DDR nun also Willy Brandt - was interessiert jüngere Leute wie Sie heute am Besuch von Westpolitikern im Osten?

JAN SCHÖNFELDER (JS): Mich faszinieren die Geschichten hinter der Geschichte. Wir kennen alle die Szene mit Willy Brandt am Fenster des “Erfurter Hofes” - wie kam es dazu, wer war wie beteiligt? Zusätzlich spannend wird es dadurch, dass wir heute wissen, wie die Geschichte ausging. Kohl versprach 1990 blühende Landschaften, was wusste er damals über die DDR, durch die er 1988 privat gereist war? Und welchen Anteil hatte der Besuch Brandts am Wissen im Westen über die DDR?

REINER ERICES (RE): Der Besuch Brandts ist ein Markstein auf dem Weg zur Deutschen Einheit - damit gehört er auch ins Nachdenken über 20 Jahre Wiedervereinigung.

Wie sicher konnten Sie sich sein, bei einem so häufig bearbeiteten Thema noch Neues zu finden?

RE: Über einiges weiß man bisher nur wenig, zum Beispiel über Brandts Abstecher nach Buchenwald. Zudem öffnen sich Akten, die bisher nicht zugänglich waren. Ein spannendes Thema ist die Geheimdiplomatie im Vorfeld, also die Frage, über welche Kanäle und Drähte man kommunizierte, um überhaupt eine Basis für offizielle Gespräche zu schaffen. Es gibt Tagebücher von Westpolitikern und Diplomaten, die sehr plastisch schildern, was hinter den Kulissen abging.

Welche Akten waren für Sie am spannendsten?

JS: Das Interessanteste war das handschriftliche Tagebuch von Ulrich Sahm (1917 -2005), das die Familie ins Bundesarchiv Koblenz gegeben hat. Sahm war der Chefunterhändler der Bundesregierung. Ein versierter Diplomat, der vorher als Botschafter in London tätig war und der nun in der DDR völlig neue Erfahrungen machte und dies sehr präzise beschreibt. Etwa die Garderobe der Ostdeutschen oder die Sprachlosigkeit am Mittagstisch, wo man krampfhaft nach Gesprächsthemen suchte und letztlich beim Wetter oder beim Wohnungsbauprogramm landete.

In Ihrem Buch schildern Sie ausführlich, welche Widerstände es in der SED gegen ein Treffen gab, danach war Honecker absolut dagegen - grenzt es an ein Wunder, dass es überhaupt stattfand?

RE: Ich denke ja. Das sahen auch schon viele der Beteiligten von damals so. Unter den Papieren von Egon Bahr, der bereits einen Teil seiner Sachen an die Friedrich-Ebert-Stiftung gegeben hat, fanden wir einen Brief an Brandt, in dem ganz klar zum Ausdruck kommt, wie froh und auch stolz er über das Treffen und seinen Anteil daran war.

Bleiben wir bei Bahr, der damals gerade in Moskau verhandelte - in Ihrem Buch liest es sich so, als habe Brandt im Moment, als das Treffen an der Berlin-Frage zu scheitern drohte, die Russen über Bahr hintenherum um Schützenhilfe gebeten?

JS: Das Treffen hing am seidenen Faden. Brandt bestand auf einer Einbeziehung Westberlins, was aber für die SED nicht in Frage kam. Man merkt beim Lesen der Dokumente, wie hilflos sich die Westdeutschen fühlten. Sahm schreibt: Wir hatten den Schwarzen Peter und mussten zusehen, wie wir aus der Sache rauskommen, ohne das Gesicht zu verlieren. In den Westmedien wurden alternative Orte wie Helsinki, Wien oder sogar ein Schiff auf der Elbe gestreut.

Lässt sich nachvollziehen, wer Erfurt als erster ins Gespräch brachte?

RE: Das war Teil der Gedankenspiele in den Westmedien. Schon möglich, dass es Bahr dann auch direkt in Moskau gestreut hat.

JS: Bei Bahrs Gesprächen in Moskau ging es eigentlich um den Gewaltverzicht. Als er dann von Brandt Signale erhielt, dass die Vorgespräche in einer Sackgasse seien, bot er von sich aus an, gegebenenfalls mal bei seinen sowjetischen Gesprächspartnern nachzuhaken, wofür er dann aus Bonn das O. K. bekam.

Ließ Egon Bahr den Ostdeutschen über die Russen Erfurt als alternativen Tagungsort unterjubeln?

RE:  Man kann es sich in der Tat so vorstellen. Jedenfalls gab es einen Anruf vom sowjetischen Botschafter beim DDR-Außenminister, der fragte wie es denn so liefe mit den Gesprächen - und dann solle man eben nach Magdeburg oder Erfurt gehen. Verbunden mit der klaren Ansage: Das Treffen muss stattfinden.

Wusste man in der DDR, dass auch der Westen die Russen über jeden der Vorverhandlungsschritte informierte?

JS: Es gibt dafür keine Belege. Karl Seidel, ein Zeitzeugen, schreibt allerdings in seinen Erinnerungen, dass er es bis heute als größten Verrat ansieht, wie offen die Sowjetregierung mit Bahr über die DDR-Positionen sprach.

War es Willy Brandt letztlich egal, wo das Treffen stattfand, wenn es nur überhaupt stattfand?

RE: Die Entscheidung fiel jedenfalls unmittelbar, nachdem Erfurt vorgeschlagen worden war. Auch Sahm schreibt in seinem Tagebuch, dass er ermächtigt war, jedem Vorschlag zuzustimmen.

In Fernsehaufnahmen von der Begrüßung auf dem Erfurter Bahnhof wirkt Brandt steif, fast maskenhaft, mit welchen Erwartungen fuhr er nach Erfurt?

RE: Das ist eines der interessantesten Kapitel des Besuches. Brandt gab vorher eine Erklärung ab, in der er noch die Erwartungen deutlich herunterspielte, als wisse er selbst noch nicht so richtig, wohin es gehen sollte. Dann fuhr er über die Grenze ins alte Soziland, sah, wie ihm die Menschen an der Strecke zuwinken - da wurde er förmlich von Gefühlen übermannt. Alle seine Begleiter schreiben von Tränen in seinen Augen. Wir zeigen Aufnahmen im Film, da sieht man, welche Veränderung er da durchlief.

Konnte er Zweifel haben, wem die “Willy, Willy!”-Rufe in Erfurt galten?

JS: Nach der Zugfahrt und den vielen Plakaten, auf denen ein Y und ein durchgestrichenes I zu sehen waren, musste er wissen, wer gemeint ist. Sicher war aber auch er überrascht von der Situation auf dem Erfurter Bahnhofsplatz und musste die Situation erst realisieren.

RE: Brandt war kein Dummer. Wenn man heute liest, sein Sprecher Conny Ahlers habe ihn ans Fenster zerren müssen, könnte man meinen, er sei unwillig gewesen. Ich bin mir aber sicher, dass er bei aller Sorge um den Moment auch um dessen historische Dimension wusste.

Stichwort Buchenwald: War es tatsächlich Superspion Günter Guillaume, der Brandt den Besuch schmackhaft machte?

JS: Ja, wobei nicht ganz klar ist, ob aus Eigeninitiative oder im Auftrag. Guillaume war gerade als Referent ins Kanzleramt aufgestiegen, das war quasi seine erste Amtshandlung. Brandt fand den Vorschlag gut, machte sich aber Sorgen wegen der doppelten Lagergeschichte.

Mit Staatsflaggen auf dem Auto und dem Abspielen der Nationalhymnen bekam auf dem Ettersberg plötzlich alles den Anschein eines Staatsbesuches, was Brandt ja eigentlich nicht wollte, hat ihn die DDR reingelegt?

RE: Zumindest hatte die DDR, der es um die staatliche Anerkennung ging, den Besuch als Triumph geplant. Man sieht Brandts versteinerte Miene, danach hatte er miese Laune. Zurück konnte er aber auch nicht. Funktioniert hat es trotzdem nicht. Die Westhymne in Buchenwald, am Hort des Antifaschismus, stieß den Genossen im Lande unangenhem auf und brachte die SED in Erklärungsnot. Da wirkte selbst das Argument von Chefideologe Karl-Eduard von Schnitzler, dass Brandt dafür die DDR-Hymne hören musste, dünn.

Wie viel Verklärung steckt heute im Rückblick auf den Brandt-Besuch?

JS: Die Verklärung beginnt schon bei der berühmten Szene am Fenster: Hat Stoph neben Brandt aus dem Fenster gesehen und huldvoll gewunken? Es gibt Zeitzeugen, die das behaupten, bei Markus Wolf stehen beide auf einem, dem Balkon. . .

RE: Ähnlich liest man bei Beate Klarsfeld. Über die Bahnhofsszene schreibt sie, wie in ihrem Herzen die Sonne aufging, als die beiden Willis endlich zusammenkamen. Die DDR-Leute hatten nur Angst, sie könne Brandt vor laufenden Kameras ohrfeigen.

Kommenden Donnerstag zeigen Sie Ihren Film erstmals öffentlich - haben Sie eine Lieblingsszene?

JS: Die Zugfahrt nach Erfurt, das sind bewegende Bilder.

RE: Da sind wir uns einig.

Aktuelle Videos finden Sie unter: www.thueringer-allgemeine.de

1 Kommentar

  1. Ulrich Sahm - 15. März 2010

    Wird der Film auch im Internet zu sehen sein? Ich bin der Sohn von Botschafter Dr. Ulrich Sahm und sitze in Jerusalem!

    U. Sahm

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