Ein Franke im Eichsfeld

Samstag, 6. März 2010

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Video: Sebastian Grimm

Der Bundesverteidigungsminister, dessen Ruhm schon mal unbefleckter war, besuchte gestern das Eichsfeld, dessen Nähe zur Macht schon mal größer war. Der Besuch auf dem Schlachte-Essen der CDU-Mittelstandsvereinigung zeigt auch, dass Karl-Theodor zu Guttenberg noch weit mehr vor als hinter sich hat.

Von Malte WICKING

BIRKUNGEN.
Der Vollprofi Karl-Theodor zu Guttenberg kommt nicht mit, er stockt kurz. “Dort wo die junge Leine fließt / Die Unstrut wallt zu Tale / Der Hülfensberg die Werra grüßt / Der Ohmberg seine Hahle.” So singen 750 Menschen in der Siechenhalle zu Blasmusik, als der Verteidigungsminister beim Eichsfeldlied für ein paar Sekunden den Takt verliert. Beim Vers “Dem Herd, an dem in frommer Zucht / Die treue Gattin waltet” ist er indes wieder dabei.

Er fasst sich eigentlich immer recht schnell, es gibt kaum einen Moment, in dem er nicht das richtige Lächeln parat hat oder das passende Nicken. Natürlich auch auf dem jährlichen Schlachte-Essen der CDU-Mittelstandsvereinigung im Eichsfeld. Das Treffen gibt es seit 1991, aber so viele Gäste wie gestern gab es noch nie, sagt der Bundestagsabgeordnete Manfred Grund.

Schon kurz nach 18 Uhr ist die Birkunger Siechenhalle fast voll, die Gäste sind früh dran. Mittelständler, CDU-Honoratioren, ganz normale Mitglieder. Man kennt sich, es wird laut gelacht, viel Bier gezapft, und vorne spielt die Blaskapelle aus Brehme. Fast könnte man sich in Bayern wähnen, wären die Servietten auf den Biertischen weiß-blau und nicht weiß-rot. “Fast wie zu Hause”, sagt der Bundesminister auf dem Weg in die Halle.

Dass ausgerechnet Guttenberg das Eichsfeld besucht, passt nicht nur, weil er sich hier zu Hause fühlt. Bessere Tage haben sie beide schon gesehen, die Region ebenso wie das Regierungsmitglied. Das Eichsfeld ist noch immer die Hochburg der CDU in Thüringen, trotzdem haben die Ergebnisse der Landtagswahl schockiert. Im Wahlkreis Eichsfeld 1 holte der Kandidat Dieter Althaus 54,2 Prozent der Erststimmen. Eines der höchsten Ergebnisse in ganz Thüringen, und doch ein Einbruch. Fünf Jahre zuvor waren es noch 74,1 Prozent.

Nicht ganz so leicht zu beziffern, aber doch erkennbar, ist die Fallhöhe bei Guttenberg. Binnen eines Jahres wird er vom fast unbekannten Jungpolitiker zum neuen Star der CSU und ist nun seit Wochen wegen der Kundus-Affäre unter Druck. Es ist eine hässliche Geschichte, in der es um Bomben und Befehle geht, um Terroristen und um zu Tode gekommene Unschuldige. Dass sie sich unter seinem Amtsvorgänger ereignete, hat ihm bislang nicht viel genutzt. Seitdem ist der einstige Jungstar unangenehmen Fragen ausgesetzt. Ein Untersuchungsausschuss im Bundestag wird ihn als Zeugen befragen.

Bei all den schlimmen Dingen, dem Verlust der Staatskanzlei hier, dem Verlust der medialen Unschuld dort, lassen sich aber leicht Stärken übersehen: Noch immer ist das Eichsfeld eine wohlhabende Region, und mit mehreren Landtags- und dem gut vernetzten Bundestagsabgeordneten Manfred Grund keineswegs ohne Kontakte. Davon zeugt schon der Besuch des Bundesministers. Und auch Guttenberg ist heute in einer besseren Position als je zuvor, als jüngster Bundesverteidigungsminister aller Zeiten. Seine Richtung ist vorerst weiter: aufwärts. Das ist auch an diesem Abend erkennbar, als er die Halle mühelos beherrscht.

Die Debatte über Hartz IV, sagt Guttenberg, sei notwendig, werde aber unnötig “hysterisch und schrill” geführt. Ein Seitenhieb auf Westerwelle. Trotzdem sei es richtig, dass sich “Leistung lohnen muss”, sagt Guttenberg. “Genauso wie sich eine bewusste Entscheidung gegen Leistung nicht lohnen darf.”

Pauschalurteile, ruft er, seien falsch und gefährlich, nicht nur beim Thema Hartz IV, sondern auch bei seinem neuen Aufgabengebiet, der Bundeswehr. “Es kann nicht sein, dass ein Soldat, der mandatsgemäß von seiner Waffe Gebrauch machen muss, möglicherweise hierzulande vor Gericht gestellt wird”, ruft er unter lautem Jubel und Applaus. Übrigens habe er “jedes Verständnis” dafür, wenn man das Wort ‘Krieg’ in den Mund nimmt, wenn man über Afghanistan spricht.”

Die Inhalte sind das eine, aber Punkte sammelt der Mann auch mit seiner ganzen Art zu reden, mit seinen Scherzen und seinem Schwärmen über “festen Thüringer Boden” nach dem politischen “Treibsand” in Berlin. Und mit einem seiner ersten Sätze: “Ich begrüße einen Freund im Publikum, lieber Dieter Althaus”, sagt er unter Jubel. Der Ex-Ministerpräsident steht kurz auf und winkt.

“Bei einem Konzern, der mir im vergangenen Jahr viel Freude bereitet hat”, fügt Guttenberg an, da lachen alle 750 Gäste in der Halle laut auf.

Guttenberg kann natürlich auch noch ein paar Zitate des Abends in seine Rede einbauen, das kommt gut an: Über eine Strophe des Eichsfeldliedes werde er noch mit seiner Frau diskutieren müssen, sagt der Minister.

Er meint jene mit der treuen Gattin, die in frommer Zucht am Herde waltet. Sogar das Lied, das ihn ins Stocken gebracht hat, kann er, ganz der Profi, noch benutzen.

Aktuelle Videos finden Sie unter: www.thueringer-allgemeine.de

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