“Grenztänzer” am Nationaltheater

Donnerstag, 4. März 2010

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Video: Johannes ROMEYKE
(Interview S.Miller: Sophie Brünning, Max Albrecht)

In der Harmonielehre

Heute Abend gilt es: Im ausverkauften DNT treten rund 100 Weimarer Schüler als “Grenztänzer” auf, in einer multimedialen Tanztheater-Inszenierung. Zuvor präsentieren 18 weitere als “DokuMedia”-Gruppe im Theaterfoyer ihre Ausstellung zum Projekt. Sieben Wochen lang versuchten sie alle zu lernen, sich in einem Kulturraum zu bewegen.

Von Michael HELBING

WEIMAR.
Das DNT-Ensemble ist sprunghaft gewachsen, um eine ganze Hundertschaft. Premierenbesucher werden heute von Porträts sämtlicher “Grenztänzer” begrüßt, deren Herkunft nicht unterschiedlicher sein könnte. Sie kommen aus dem Goethegymnasium, den Regelschulen “Musäus” und “Pestalozzi” sowie dem Förderzentrum Herderschule, aus Bildungsbürgerhaushalten und Prekariatsfamilien, aus der Innenstadt und Problembezirken. Der Umgang mit Kultur ist den meisten in aller Regel nicht selbstverständlich. Nun aber sind sie Tänzer und damit öffentliche Boten der eigenen Persönlichkeit, inszeniert von Sven Miller, choreografiert von Ayman Harper. Ihre noch vor wenigen Wochen eher kulturfernen Körper werden von einem Klangkörper der Hochkultur unterstützt: Rasmus Baumann dirigiert die Staatskapelle sowie, bezeichnenderweise, die “Harmonielehre” von John Adams. Das Stück, eine Parodie auf Arnold Schönberg, steht hier für den Versuch, Dissonanzen zu überwinden.
Trotz künstlerischem Anspruch und Bildungsauftrag, das Projekt “Grenztänzer” dient vorrangig der Begegnung sozialer Welten mit ihren gepflegten Vorurteilen. Diese Begegnung war zunächst ein Aufeinanderprallen, und sie findet auch jetzt alles andere als reibungslos statt. Kultur lernen, meint hier vor allem: Umgangsformen. Die sind nach sieben Wochen keineswegs frei von Makel.
Kurz vor der Premiere lagen gestern die Nerven blank, das Leitungsteam ist fast am Ende seiner Kräfte - die Gesetze des Theaters schlagen hier doppelt und dreifach zu Buche, der pädagogische Betreuungsbedarf ist enorm. Doch wer die Hauptprobe gestern sah und sich einige Wochen zurückerinnern kann, erlebte Erstaunliches: eine große Konzentration bei den Hochmotivierten wie den weitaus weniger Leidenschaftlichen. Die Schüler werden sich heute Abend sehen lassen können.
Die Weimarer “Grenztänzer” sind nicht ohne Beispiel. Chaos, Streit, Erfolgserlebnisse und Momente des Scheiterns kannte schon “Rhythm is it”, das Tanzprojekt von Simon Rattle, Royston Maldoom und den Berliner Philharmonikern mit 250 Jugendlichen im Jahr 2003. Dort wie hier gab bzw. gibt es welche, die aufgegeben haben, das Projekt verlassen mussten oder einfach krank wurden. Indes sind andere weit über sich hinausgewachsen. Und nicht wenige, die erstmals überhaupt Grenzen gezeigt bekamen, an denen sie nun tanzen.

Die Aufführung ist heute und Montag ausverkauft. Karten gibt es noch für übermorgen 18 Uhr.

Aktuelle Videos finden Sie unter: www.thueringer-allgemeine.de

1 Kommentar

  1. Heike Rieger - 6. März 2010

    Ich habe die Premiere erlebt und bin wieder einmal fasziniert darüber, was möglich ist mit einfachen Jugendlichen. Ich ziehe meinen Hut!!! Als Deutsch- und Musiklehrerin, die u.a. 12 Jahre in einer Suhler Regelschule gearbeitet hat und jetzt mit Berufsschülern, weiß ich, wovon ich rede. In Theater- und Chorprojekten habe ich schon oft ähnliche Dinge erlebt, natürlich ohne diese riesigen Möglichkeiten der Unterstützung und Mitarbeit vieler Künstler und Pädagogen, sodass tatsächlich auch ein wunderbares künstlerisches Ergebnis zu sehen war! Trotzdem, und das ist auch meine Erfahrung, ist für die Jugendlichen erst mal der Weg das Ziel, das miteinander Arbeiten an einer gemeinsamen Sache, das ungeheure Erlebnis von Anerkennung und Stolz. Da erleben sie, dass sich der verdammte Stress lohnt. Als sie am Ende auf der Bühne einander in die Arme fielen und viele die Tränen nicht zurückhalten konnten, wusste ich, dass das ein großer Erfolg ist. Sie haben Grenzen überwunden!

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