Pfarrersfamilie kehrt Rudolstadt den Rücken
Donnerstag, 10. April 2008
Erst das Folkfestival, dann Pfarrer Neuschäfer: Die Stadt Rudolstadt handelte gestern zwei Themen, die nicht zusammen passen, in einer Pressekonferenz ab. Reiner Andreas Neuschäfer saß mit im Saal, eingeladen aber hatte man ihn nicht. Das war nicht die einzige Ungeschicklichkeit, die sich die Stadt- und Kirchenvertreter auf dem Podium erlaubten.
RUDOLSTADT. Beim Pressetermin kann man den Eindruck gewinnen, der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit beschäftige Bürgermeister Jörg Reichl und Superintendent Peter Taeger inzwischen weniger als das Medienecho auf den “Fall Neuschäfer”. Die Familie des Schulpfarrers, seine indischstämmige Frau und die fünf Kinder, ist unter dem Eindruck von Beleidungen und fremdenfeindlichen Bemerkungen weg- gezogen, ins Rheinland. Sie will nicht zurückkommen.
Presseschelte gibt es en gros. “Eine pauschale Verurteilung der Stadt, wie sie durch die Medien vorgenommen wurde, wird nicht akzeptiert werden”, sagt Reichl, er merkt nicht einmal, wie er selbst pauschalisiert. Er sagt aber auch: “Wir sind empört und entsetzt über das, was einer Rudolstädter Familie hier passiert ist.” Zweifel daran, dass die Familie beschimpft wurde, auch in der Anton-Sommer-Grundschule, äußert niemand. Reichls neunjähriger Sohn soll beteiligt gewesen sein. Schulleiterin Angelika Swirszczuk verliest eine Erklärung: Eine Schulhofprügelei 2007 habe keinen fremdenfeindlichen Hintergrund gehabt. Es habe in drei Jahren drei Beschimpfungen gegeben. Auf Nachfrage präzisiert sie: Neuschäfers Kinder seien als “Nigger” und “Chinesen” bezeichnet worden. Sie weint beinahe: “Können Sie sich vorstellen, wie sich Kinder fühlen, die als rechtsradikale Schläger dargestellt werden?”
Wer wann ein Gespräch oder Hilfe angeboten habe, an solchen Details hält sich das Podium, auch Oberkirchenrat Christhard Wagner, lange auf - als ob es darum noch ginge. Die Unfähigkeit, miteinander zu reden, ist offensichtlich, von Vertrauen keine Spur; da bräuchte es wohl einen externen Schlichter. Neuschäfer bleibt dabei: Das einzige Hilfsangebot der Kirchenleitung seien Stellenausschreibungen gewesen. Und die Stadt, “die macht sich zum Opfer”.
Immer wieder wird das Folkfest vom Podium aus zum Kronzeugen für Rudol-stadts Fremdenfreundlichkeit berufen. Aber das Folkfest dauert nur drei Tage im Jahr. Die Neuschäfers wollten für viele Jahre bleiben.
10.04.2008 TEXT: Frauke ADRIANS / VIDEO: Johannes Romeyke
„In früheren Zeiten bediente man sich der Folter. Heutzutage bedient man sich der Presse. Das ist gewiss ein Fortschritt.“ (O.Wilde)
Die Frage von RA Neuschäfer, warum sich kein Dunkelhäutiger äußert, ist durch die zahlreichen Wortmeldungen (Leserbriefen bis zum 23.04.2008) in der OTZ beantwortet:
1. Amir Virk (Inder) lebt seit 4 Jahren in DL und eröffnete im April 2008 einen Pizza-Service in Rudolstadt und hat “kein Problem mit Rudolstadt”
2. Murat Eken findet, dass man nicht alle Menschen in einen Topf schmeißen kann… “blöde Sprüche” gibt es allerdings überall… das hat nichts mit Rudolstadt zu tun. Für seine 3 Kinder ist Rudolstadt die Heimat
3. Die vietnamesische Familie von Lan Son ist in Rudolstadt angekommen und findet die Leute hier nett, auch wenn das eingewöhnen schwierig war. Die Tochter fühlt sich in ihrer Klasse 10 am Gymnasium sehr wohl.
4. Kentaro Masaoka (Musiker) “Heute bin ich es, der Ossis Verteidigt, wenn ich mit Wessis spreche” Ihn ärgert es, wenn der Osten verteufelt wird. Er empfindet “angucken” als normal. Ein Deutscher in Schwarzafrika würde auch “angekuckt werden.
5. Carlo Sergiolo (Italiener) schrieb: Es macht mich unsagbar traurig, dass ein Pfarrer seine Kinder für so eine Hetzkampagne missbraucht und dadurch meine Rudolstädter Freunde in der ganzen Welt ungerecht verunglimpft”. “Um es ganz deutlich zu sagen, wir sind sehr herzlich in dieser Stadt hier aufgenommen worden und haben über die Jahre sehr liebe Freunde gewonnen.”
6. Dr. Frank-Eberhardt Wilde und Frau kamen aus den “alten BL” und Herr Wilde schrieb: Wir waren Fremde unter Fremden: “Opfer also von Fremdenfeindlichkeit? Keine Spur! Von Keinem! Und zwar nicht, weil wir uns nun hemmungslos angepasst hätten, sondern weil wir gegenseitige Andersartigkeiten ausgehalten, toleriert haben (…) Er bedankt sich bei den Rudolstädtern mit einem Bibelzitat Mt.25,35
7. “ARD rudert zurück”! - Die ARD rudert bezüglich ihrer Berichterstattung im Fall Neuschäfer zurück. “Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, ganz Rudolstadt sei neonazistisch, so bedauern wir das”, sagte Thomas Hinrichs, 2. Chefredakteur von ARD…
Auch wenn ich weitere Zitate und Hinweise pro Rudolstadt darstellen würde, diese wären natürlich und logischerweise keine Beweise dafür, dass Rudolstadt frei von Menschen mit Vorurteilen, Ängsten und rechtem Gedankengut ist. Ebenso wenig kann auch das Gegenteil der Fall sein.
Ich persönlich bin traurig und wütend zugleich, dass Neuschäfers Beleidigungen und Demütigungen erfahren mussten. Solche Handlungsweisen sind immer und jedem Menschen gegenüber verabscheuungswürdig.
Was ich aber nicht glauben kann und werde, sind die Darstellungen von Reiner Andreas Neuschäfer zu der Schulhofprügelei vom 25.04.2007, also genau vor einem Jahr.
Ich glaube auch nicht, dass der Sohn Jannek von 9 Mitschülern zusammengeschlagen wurde. Ich glaube ebensowenig, dass der Sohn Jannek regelmäßig “…immer montags” verprügelt wurde.
Ich glaube eher der Stellungnahme des Schulamtes in der OTZ: “(…)Die Einzelbefragung der Beteiligten am 8.Mai 2007 durch die Polizei im Beisein der Schulleiterin ergab, dass die Rangelei keinen Fremdenfeindlichen Hintergrund hatte.”
“Nach Einzelgesprächen mit allen Betroffenen konnte am 31. Mai bei einem gemeinsamen Gespräch im Schulamt mit Herrn Neuschäfer der Konflikt einvernehmlich beigelegt werden.”, heißt es weiter. Wenn ich mich richtig erinnere, dann gibt es über beide Gesprächsrunden Protokolle und Unterschriften, wie auch in der Pressekonferenz mitgeteilt.
Ich bin allerdings gespannt, ob die Polizei nach den nun neuen Vorwürfen auch mit Jannek reden wird bzw. darf. Alle anderen Kinder seiner Klasse mussten dies nach der Anzeige durch Vater Neuschäfer auch tun. Allerdings bin ich bereit, meinen “Glauben” abzuschwören, sollten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft das Gegenteil beweisen können.
Ich stimme Herrn Neuschäfer zu, dass Fremdenfeindlichkeit ein ganz breites Spektrum umfasst und dass diese auch Ausdruck von Angst sein kann. Weshalb Rudolstadt, Thüringen und dann sogar “Ostdeutschland” (Ich kenne kein Land, das diesen Namen trägt)”noch mal eine andere Qualität von Fremdenfeindlichkeit” zeigt, als in anderen Ländern, das erschließt sich mir nicht. Welche “andere Art” von Fremdenfeindlichkeit Herr Neuschäfer in Erkelenz, Freising, Eching oder in anderen Städten der anderen Bundesländer in der BRD kennen gelernt hat, werden wir vermutlich nicht erfahren.
Herzliche Gratulation zu diesem differenzierten Beitrag zu einem herausfordernden Thema!